Gesund altern zwischen Wissenschaft, Hype & echter Lebensfreude
Was hinter dem Trend steckt, welche Supplements wirklich spannend sind und warum die klügste Form von gesundem Altern vielleicht weniger mit Selbstoptimierung zu tun hat als mit Lebensqualität.
Longevity ist eines der großen Gesundheitswörter unserer Zeit. Gemeint ist nicht einfach nur ein langes Leben. Gemeint ist ein möglichst langes, gesundes, aktives Leben — mit klarem Kopf, stabilem Körper, gutem Schlaf, emotionaler Balance und möglichst wenigen Jahren in Krankheit oder Abhängigkeit.
In der Forschung wird dafür häufig der Begriff Healthspan verwendet: die gesunde Lebensspanne. Also nicht nur die Frage: Wie alt werden wir? Sondern: Wie viele dieser Jahre können wir wirklich gut leben?
Genau deshalb ist Longevity so faszinierend. Und genau deshalb ist das Thema auch heikel. Denn zwischen seriöser Altersforschung, sinnvollen Lebensstilfaktoren, medizinischer Prävention, Supplement-Hype und radikaler Selbstoptimierung liegt ein weites Feld.



Altern ist biologisch komplex – und kein einzelner Schalter
Die moderne Altersforschung beschreibt Altern nicht als einfachen Countdown, sondern als Zusammenspiel verschiedener biologischer Prozesse. Ein sehr einflussreiches Konzept sind die „Hallmarks of Aging“, also Kennzeichen des Alterns. Die ursprüngliche Arbeit aus dem Jahr 2013 beschrieb neun solcher Kennzeichen: genomische Instabilität, Telomerverkürzung, epigenetische Veränderungen, Verlust der Proteostase, deregulierte Nährstoffsensorik, mitochondriale Dysfunktion, zelluläre Seneszenz, Stammzellerschöpfung und veränderte Zellkommunikation. Eine aktualisierte Veröffentlichung aus dem Jahr 2023 erweiterte das Modell auf zwölf Kennzeichen, darunter auch chronische Entzündung, gestörte Makroautophagie und Dysbiose.
Das klingt technisch, ist aber wichtig: Altern entsteht nicht an einer einzigen Stelle. Deshalb ist es unwahrscheinlich, dass eine einzelne Kapsel, ein Pulver oder ein Blutwert die große Lösung ist. Wer Longevity seriös betrachtet, muss immer das Ganze sehen: Bewegung, Ernährung, Schlaf, Stress, soziale Beziehungen, Prävention, Umwelt, Gene — und ja, möglicherweise irgendwann auch gezielte medizinische Interventionen.
Warum Longevity gerade so boomt
Der Boom hat mehrere Ursachen. Menschen werden älter, gleichzeitig nehmen viele chronische Erkrankungen mit dem Alter zu. Dazu kommt ein Lebensgefühl, das viele kennen: zu viel Stress, zu wenig Schlaf, viel Sitzen, wenig echte Erholung, ständige Erreichbarkeit und das Gefühl, im Alltag mehr zu funktionieren als zu leben.
Longevity trifft deshalb einen Nerv. Es verspricht mehr Energie, mehr Kontrolle, mehr gesunde Jahre. Doch der Trend wird auch stark von Persönlichkeiten geprägt, die das Thema spektakulär nach außen tragen.
Viel begann mit Bryan Johnson
Einer der bekanntesten Namen der Longevity-Szene ist Bryan Johnson, ein US-amerikanischer Tech-Unternehmer. Johnson wurde am 22. August 1977 geboren und ist vor allem durch sein Projekt Blueprint international bekannt geworden.
Johnson richtet seinen Alltag extrem konsequent auf Gesundheitsoptimierung aus: Schlaf, Ernährung, Training, Blutwerte, Entzündungsmarker, Organwerte, Haut, Körperfett, Epigenetik und zahlreiche weitere Messpunkte. Auf seiner eigenen Blueprint-Seite beschreibt er, dass er seinen Körper und seine Routinen systematisch vermisst und optimiert; in einem frühen Text zu „Project Blueprint“ schrieb er 2021, sein chronologisches Alter liege bei 44 Jahren, sein gemessenes biologisches Alter bei 36 Jahren. Genau diese Differenz — Mitte 40 im Pass, Mitte 30 auf dem Papier biologischer Altersmessungen — machte die Geschichte für viele so faszinierend.
Dabei ist wichtig: Biologisches Alter ist kein einheitlicher, absoluter Wert. Es hängt stark davon ab, welche Methode verwendet wird: epigenetische Uhren, Blutmarker, Organalter, Hautalter, Fitnesswerte oder andere Modelle. Johnsons Zahlen sind deshalb interessant, aber sie sind nicht dasselbe wie ein objektiver Beweis, dass ein Mensch tatsächlich „acht Jahre jünger“ ist.
Trotzdem erklärt genau diese Erzählung den Hype: Johnson macht sichtbar, was viele Menschen sich wünschen — Altern nicht einfach hinnehmen, sondern messen, beeinflussen und vielleicht sogar verlangsamen zu können.
Aktuell bekommt seine Geschichte aber eine neue, fast paradoxe Dimension. Johnson machte öffentlich, dass bei ihm Autoimmune Gastritis diagnostiziert wurde — eine chronische Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem Zellen der Magenschleimhaut angreift. Er beschrieb es zugespitzt mit den Worten, sein Magen „esse sich selbst auf“. Medienberichte schildern, dass die Diagnose nach Jahren mit auffälligen Eisenwerten und endoskopischer Abklärung bestätigt wurde.
Gerade das macht seine Geschichte für einen Longevity-Artikel so spannend. Selbst ein Mensch, der enorme Summen, Zeit und Disziplin in Prävention, Diagnostik und Selbstoptimierung investiert, bleibt biologisch verletzlich. Johnson selbst argumentiert, seine Routinen und Messungen hätten ihm geholfen, die Erkrankung zu erkennen und systematisch anzugehen. Das mag sein. Von außen lässt sich aber nicht beweisen, wie der Verlauf ohne sein Programm gewesen wäre.
Sicher ist: Sein Fall zeigt, dass Gesundheit beeinflussbar ist — aber nicht vollständig kontrollierbar.
Und genau hier wird Longevity menschlich interessant. Denn die Frage lautet nicht nur: Wie weit können wir unseren Körper optimieren? Sondern auch: Wie leben wir mit der Tatsache, dass nicht alles optimierbar ist?
Die Basis: Was wirklich gut belegt ist
Bevor es um Supplements geht, lohnt sich ein nüchterner Blick auf die Dinge, die wissenschaftlich am stärksten getragen sind. Sie klingen weniger spektakulär als Telomerase-Aktivatoren oder NAD-Booster, sind aber deutlich robuster belegt.
Bewegung: wahrscheinlich der wichtigste Longevity-Hebel
Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt Erwachsenen mindestens 150 bis 300 Minuten moderate Bewegung pro Woche oder 75 bis 150 Minuten intensive Bewegung. Zusätzlich sollten an mindestens zwei Tagen pro Woche muskelkräftigende Aktivitäten stattfinden.
Das ist nicht nur Fitness-Routine. Bewegung beeinflusst viele altersrelevante Systeme gleichzeitig: Herz-Kreislauf-Gesundheit, Blutzuckerregulation, Muskelmasse, Knochengesundheit, Entzündungsprozesse, Schlaf, Stimmung und kognitive Leistungsfähigkeit.
Besonders wichtig ist Krafttraining. Denn Muskelmasse ist im Alter nicht nur eine Frage von Optik. Sie bedeutet Stabilität, Selbstständigkeit, Stoffwechselgesundheit und Sturzprävention. Wer stark bleibt, bleibt oft länger frei.



Schlaf: Regeneration ist kein Wellness-Luxus
Schlaf ist einer der unterschätztesten Gesundheitsfaktoren. Die CDC nennt für Erwachsene mindestens sieben Stunden Schlaf pro Nacht als Empfehlung; die American Heart Association hat gesunden Schlaf inzwischen in ihre „Life’s Essential 8“ für Herz-Kreislauf-Gesundheit aufgenommen.
Dauerhaft schlechter Schlaf beeinflusst Hormonregulation, Immunsystem, Appetit, Blutzucker, Entzündungsprozesse, Konzentration und emotionale Stabilität. Im Longevity-Kontext ist Schlaf deshalb kein Nice-to-have. Er ist Reparaturzeit. Wer dauerhaft zu wenig schläft, kann das nicht einfach mit Supplements ausgleichen.
Ernährung: kein Dogma, sondern Muster
Bei Ernährung wird oft so getan, als gäbe es eine perfekte Formel. Vegan, ketogen, Low Carb, mediterran, Intervallfasten, High Protein — alles hat seine Anhänger. In der Forschung wirken aber langfristige Muster oft überzeugender als einzelne Regeln.
Plausibel und gut anschlussfähig sind: viel Gemüse, Hülsenfrüchte, Nüsse, hochwertige Fette, ausreichend Protein, wenig stark verarbeitete Lebensmittel, wenig Alkohol, ein bewusster Umgang mit Zucker und eine Ernährung, die man dauerhaft leben kann.
Für die mediterrane Ernährung gibt es vergleichsweise starke Hinweise. Eine 2024 veröffentlichte Meta-Analyse zu älteren Erwachsenen fand, dass eine hohe Adhärenz an die mediterrane Ernährung mit einem niedrigeren Risiko für Gesamtsterblichkeit und kardiovaskuläre Sterblichkeit verbunden war.
Stressregulation: die leise Medizin
Chronischer Stress verändert den Körper. Er beeinflusst Schlaf, Blutdruck, Verdauung, Immunsystem, Essverhalten und Entzündungsprozesse. Genau hier wird Longevity alltagstauglich: nicht als radikale Selbstvermessung, sondern als Frage nach echter Regeneration.
Natur, Thermalwasser, Sauna, Floating, Massagen, Bewegung, Atemübungen, Yoga, gutes Essen, Abstand vom Alltag — das sind keine oberflächlichen Wellness-Bausteine. Sie können Teil eines Lebensstils sein, der den Körper aus dem Dauerstress holt.



Die gehypten Longevity-Supplements: Was ist dran?
Longevity wäre nicht Longevity, wenn es nicht auch um Substanzen ginge. Manche sind spannend, manche überverkauft, manche medizinisch interessant, aber nicht für Selbstexperimente geeignet. Wichtig ist: Kein Supplement ersetzt Schlaf, Bewegung, Ernährung, Prävention und medizinische Begleitung.
Kreatin: einer der seriöseren Kandidaten
Kreatin ist eigentlich aus dem Sport bekannt. Es unterstützt die schnelle Energiebereitstellung in Zellen, vor allem im Muskel. Deshalb wird es klassisch mit Krafttraining, Muskelaufbau und Leistungsfähigkeit verbunden.
Im Longevity-Kontext ist Kreatin interessant, weil Muskelmasse und Kraft mit zunehmendem Alter zentral werden. Studien und Reviews zeigen, dass Kreatin, besonders in Kombination mit Krafttraining, Muskelmasse, Kraft und körperliche Leistungsfähigkeit älterer Menschen unterstützen kann. Eine aktuelle Übersicht beschreibt Kreatin plus Krafttraining als sinnvollen Ansatz gegen altersbedingten Muskelverlust; Meta-Analysen berichten vor allem Vorteile bei Muskelkraft und fettfreier Masse.
Auch für kognitive Effekte gibt es erste Hinweise, etwa bei mentaler Belastung oder Schlafmangel. Die Datenlage ist aber nicht so stark, dass man Kreatin als Gehirn-Booster für alle verkaufen sollte. Realistischer ist: Kreatin ist günstig, gut untersucht, für viele Menschen verträglich und besonders interessant in Verbindung mit Training, ausreichender Proteinzufuhr und Muskelaufbau.
Einordnung: Kein Jungbrunnen, aber eines der vernünftigeren Supplements — vor allem für Kraft, Muskelmasse und möglicherweise bestimmte Situationen mentaler Belastung. Bei Nierenproblemen oder relevanten Vorerkrankungen sollte man es ärztlich abklären.
NMN und NAD+: spannend, aber noch nicht bewiesen
NMN steht für Nicotinamid-Mononukleotid. Es ist eine Vorstufe von NAD+, einem Molekül, das in vielen Zellprozessen eine Rolle spielt, unter anderem im Energiestoffwechsel. Weil NAD+-Spiegel mit dem Alter sinken können, entstand die Idee, sie über Vorstufen wie NMN oder NR zu erhöhen.
Humanstudien zeigen, dass NMN die NAD+-Konzentration im Blut erhöhen kann und kurzfristig in bestimmten Dosierungen gut verträglich wirkt. Eine randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Studie untersuchte 300, 600 und 900 mg NMN täglich und berichtete, dass NMN die NAD-Konzentrationen im Blut erhöhte und bis 900 mg täglich im Studienzeitraum gut verträglich war. Die klinische Bedeutung bleibt aber offen.
Einordnung: biologisch interessant, aber noch kein Beweis dafür, dass NMN beim Menschen Alterungsprozesse relevant verlangsamt oder das Leben verlängert.
Resveratrol: berühmter als bewiesen
Resveratrol ist ein Pflanzenstoff, der unter anderem in Trauben vorkommt. Bekannt wurde er durch Diskussionen rund um Rotwein, mediterrane Ernährung und sogenannte Sirtuine. In Zell- und Tiermodellen gibt es interessante Effekte. Beim Menschen ist die Lage deutlich weniger spektakulär.
Das Problem: Viele Effekte aus Laborstudien lassen sich nicht einfach auf den menschlichen Alltag übertragen. Dosierung, Bioverfügbarkeit, Dauer, Zielgruppe und echte klinische Endpunkte sind entscheidend.
Einordnung: wissenschaftlich interessant, aber als Anti-Aging-Supplement deutlich schwächer belegt als der Hype vermuten lässt.
Spermidin: plausibel, aber kein Verjüngungsbeweis
Spermidin kommt natürlicherweise in Lebensmitteln wie Weizenkeimen, Pilzen, Hülsenfrüchten, Soja und gereiftem Käse vor. Es wird mit Autophagie in Verbindung gebracht — einem Prozess, bei dem Zellen beschädigte Bestandteile abbauen und recyceln.
Es gibt Beobachtungsdaten, die eine höhere Spermidinaufnahme mit günstigen Gesundheits- und Sterblichkeitsmustern in Verbindung bringen. Eine prospektive populationsbasierte Studie fand einen Zusammenhang zwischen höherer Spermidinaufnahme über die Ernährung und niedrigerer Sterblichkeit. Solche Daten beweisen aber keine direkte Ursache-Wirkung-Beziehung.
Einordnung: Als Teil einer nährstoffreichen Ernährung interessant. Als Supplement gegen Altern noch nicht ausreichend bewiesen.
Fisetin, Quercetin & Senolytics: die Idee vom „Aufräumen“ alter Zellen
Ein weiterer Hype dreht sich um sogenannte Senolytics. Dabei geht es um Substanzen, die seneszente Zellen reduzieren sollen. Seneszente Zellen sind Zellen, die sich nicht mehr normal teilen, aber auch nicht einfach verschwinden. Sie können entzündungsfördernde Signale aussenden und werden mit Alterungsprozessen in Verbindung gebracht.
Zu den diskutierten Stoffen gehören Fisetin, Quercetin und in der Forschung auch Kombinationen wie Dasatinib plus Quercetin. Fisetin kommt natürlich in Lebensmitteln wie Erdbeeren, Äpfeln oder Zwiebeln vor, allerdings in viel geringeren Mengen als in typischen Supplement-Protokollen.
Die Forschung ist spannend, aber noch jung. Reviews beschreiben Fisetin als vielversprechend in Zell- und Tiermodellen und als potenziellen senotherapeutischen Wirkstoff, betonen aber auch, dass Humanstudien, geeignete Messmethoden und Langzeitdaten noch fehlen.
Einordnung: Sehr interessantes Forschungsfeld, aber noch kein Lifestyle-Rezept für gesunde Menschen.
Metformin: medizinisch spannend, aber kein Wellness-Supplement
Metformin ist ein bewährtes Medikament bei Typ-2-Diabetes. In der Longevity-Szene wird es diskutiert, weil es Stoffwechselwege beeinflusst, die auch mit Alterungsprozessen in Verbindung gebracht werden.
Die bekannte TAME-Studie soll untersuchen, ob Metformin die Entwicklung oder das Fortschreiten altersbedingter Erkrankungen wie Herzkrankheiten, Krebs und Demenz verzögern kann. Geplant ist eine große Studie mit älteren Erwachsenen; sie soll nicht einfach „Lebensverlängerung“, sondern das gleichzeitige Auftreten mehrerer altersbezogener Erkrankungen untersuchen.
Einordnung: medizinisch relevant und wissenschaftlich spannend. Aber Metformin ist ein Medikament — kein Supplement für Selbstexperimente.
Rapamycin: stark im Labor, offen beim Menschen
Rapamycin beeinflusst den mTOR-Signalweg, der mit Wachstum, Nährstoffverfügbarkeit, Zellstoffwechsel und Alterung zusammenhängt. In Tiermodellen gehört Rapamycin zu den interessantesten Longevity-Kandidaten. Beim Menschen sind Nutzen, Dosierung, Langzeitsicherheit und Zielgruppen aber noch nicht ausreichend geklärt.
Einordnung: Hochspannend für die Forschung, aber nicht als privater Anti-Aging-Hack geeignet.
Teleomere: der große Traum von verlängerten Lebensenden
Ein Bereich, der im Longevity-Marketing besonders stark genutzt wird, sind Telomere. Telomere kann man sich vereinfacht als Schutzkappen an den Enden der Chromosomen vorstellen. Bei jeder Zellteilung werden sie tendenziell kürzer. Wenn sie sehr kurz werden, kann eine Zelle in Seneszenz gehen oder sterben. Deshalb gelten Telomere als eine Art biologischer Alterungsmarker.
Das klingt erst einmal logisch: Wenn kurze Telomere mit Alterung zusammenhängen, müsste man sie doch einfach verlängern. Genau hier setzen Produkte an, die angeblich Telomere schützen oder Telomerase aktivieren sollen.
Die bekannteste Substanz in diesem Feld ist TA-65, ein aus Astragalus gewonnener Telomerase-Aktivator. In einer randomisierten, doppelblinden, placebokontrollierten Studie mit 117 relativ gesunden, CMV-positiven Personen im Alter von 53 bis 87 Jahren wurden über ein Jahr Veränderungen der Telomerlänge untersucht. Die Studie berichtete Effekte auf besonders kurze Telomere und bestimmte Immunzellparameter.
Das klingt vielversprechend — aber es ist nicht dasselbe wie der Nachweis: Menschen leben dadurch länger, bleiben gesünder oder altern messbar langsamer. Telomerlänge ist ein komplexer Biomarker. Sie schwankt zwischen Zelltypen, wird von Entzündung, Stress, Krankheit, Genetik und Messmethode beeinflusst und ist nicht automatisch gleichbedeutend mit „biologischem Alter“.
Noch wichtiger: Telomerase ist biologisch ambivalent. Sie kann helfen, Telomere zu erhalten. Aber auch Krebszellen nutzen häufig Telomerase, um sich weiter teilen zu können. Das National Cancer Institute beschreibt Telomerase als Enzym, das Telomere verlängern kann und in Krebszellen eine wichtige Rolle spielt.
Einordnung: Telomere sind wissenschaftlich wichtig. Telomer-Verlängerung als Lifestyle-Ziel ist aber viel komplizierter, als es Marketingtexte suggerieren. Produkte wie TA-65 sind interessant, aber kein bewiesener Weg zu einem längeren oder gesünderen Leben.
Astralagus, „Telomer-Booster“ und die Vermarktung von Hoffnung
Viele Telomer-Produkte basieren auf Astragalus membranaceus, einer Pflanze aus der traditionellen chinesischen Medizin. Daraus werden Extrakte hergestellt, die in Longevity-Shops als Telomerase-Aktivatoren, Zellschutz oder Anti-Aging-Komplexe beworben werden.
Das Problem ist nicht, dass Astragalus uninteressant wäre. Das Problem ist die Übertreibung. Zwischen „ein Pflanzenstoff zeigt in bestimmten Studien biologische Aktivität“ und „dieses Supplement verlängert dein Leben“ liegt ein riesiger Unterschied.
Für Verbraucherinnen und Verbraucher ist deshalb eine einfache Frage hilfreich:
Wurde nur ein Marker verändert — oder wurde ein echter Gesundheitsnutzen gezeigt?
Ein echter Gesundheitsnutzen wäre zum Beispiel: weniger altersbedingte Erkrankungen, bessere körperliche Funktion, weniger Gebrechlichkeit, bessere Lebensqualität, weniger Sterblichkeit. Viele Longevity-Produkte liefern aber vor allem Laborwerte, Tierdaten oder indirekte Marker.
Weitere Stoffe, die häufig auftauchen
Berberin
Berberin wird oft als „natürliche Metformin-Alternative“ vermarktet, vor allem wegen möglicher Effekte auf Blutzucker und Blutfette. Es ist pharmakologisch aktiv und deshalb nicht harmlos. Wechselwirkungen mit Medikamenten sind möglich.
Einordnung: Für Stoffwechselthemen interessant, aber nicht als allgemeines Longevity-Supplement ohne medizinischen Kontext.
Omega-3-Fettsäuren
Omega-3 ist deutlich bodenständiger als viele Longevity-Hypes. Es gibt gute Gründe, auf eine ausreichende Versorgung zu achten, insbesondere wenn wenig fetter Fisch gegessen wird. Die Effekte hängen aber stark von Ausgangslage, Dosierung, Präparatqualität und Gesundheitszustand ab.
Einordnung: sinnvoll bei nachgewiesenem Bedarf oder passender Ernährungssituation, aber kein Anti-Aging-Wundermittel.
Vitamin D
Vitamin D ist wichtig für Knochen, Muskelfunktion und Immunsystem. Aber auch hier gilt: Ein Mangel sollte ausgeglichen werden, eine Überversorgung bringt nicht automatisch mehr Gesundheit.
Einordnung: testen, gezielt ergänzen, nicht blind hochdosieren.
Kollagen
Kollagen wird stark für Haut, Gelenke und „Beauty from within“ beworben. Es gibt Studien zu Hautelastizität und Feuchtigkeit, aber der Sprung von besserer Hautstruktur zu echter Longevity ist groß.
Einordnung: eher Beauty- und Gelenk-Thema als seriöser Lebensverlängerungshebel.



Was man an Bryan Johnson bewundern kann – und was nicht
Bryan Johnson hat Longevity sichtbar gemacht. Er zeigt, dass Prävention, Schlaf, Ernährung, Training und Messbarkeit ernst genommen werden können. Er zwingt eine Gesellschaft, die oft erst bei Krankheit reagiert, über Vorsorge nachzudenken.
Aber sein Modell ist nicht alltagstauglich für die meisten Menschen. Es ist teuer, extrem kontrolliert und stark datengetrieben. Außerdem zeigt seine aktuelle Diagnose, dass auch ein hochoptimierter Körper nicht unangreifbar ist.
Das ist kein Grund, sein Projekt abzuwerten. Aber es ist ein wichtiger Realitätscheck. Gesundheit ist beeinflussbar, aber nicht vollständig kontrollierbar.
Wellness als bodenständige Longevity
Wellness wird oft unterschätzt, weil das Wort nach Bademantel, Massage und schönem Hotel klingt. Dabei steckt dahinter etwas viel Grundlegenderes: Regeneration.
Ein paar Tage in der Natur, guter Schlaf, Wärme, Wasser, Sauna, Bewegung, gutes Essen, Ruhe, Abstand vom Alltag — das kann den Körper aus dem Dauerstress holen. Natürlich ersetzt ein Wellnessurlaub kein dauerhaft gesundes Leben. Aber er kann ein Anfang sein. Ein Reset. Eine Erinnerung daran, wie es sich anfühlt, wenn der Körper nicht nur funktioniert, sondern wieder aufatmet.
Vielleicht ist das die lebensnähere Form von Longevity: nicht das Leben kontrollieren, sondern ihm wieder Raum geben.
Fazit: Die beste Longevity beginnt nicht im Labor
Die Altersforschung wird in den kommenden Jahren viele spannende Erkenntnisse liefern. Vielleicht werden bestimmte Medikamente, Biomarker oder Therapien eines Tages helfen, Alterungsprozesse gezielter zu beeinflussen.
Heute aber gilt: Die stärksten Hebel sind bekannt. Bewegung. Kraft. Schlaf. Ernährung. Stressregulation. Soziale Verbindung. Sinn. Regeneration.
Supplements können im Einzelfall sinnvoll sein. Manche sind spannend, manche überbewertet, manche gehören in ärztliche Hände. Aber kein Pulver ersetzt ein Leben, das sich lebenswert anfühlt.
Oder anders gesagt:
Gesund alt zu werden beginnt nicht mit der Frage, wie wir unser Leben maximal verlängern. Sondern mit der Frage, wie wir heute leben wollen.
Quellen & weiterführende Literatur
Altersforschung & biologische Grundlagen
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The Hallmarks of Aging.
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Hallmarks of Aging: An Expanding Universe.
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Bryan Johnson & Blueprint
Johnson, Bryan.
Project Blueprint.
Medium, 13. Oktober 2021. Enthält Johnsons eigene Angabe: chronologisches Alter 44, gemessenes biologisches Alter 36.
Bryan Johnson / Blueprint.
Blueprint Protocol / Bryan Johnson’s Biomarkers.
Offizielle Blueprint-Darstellung seiner Routinen, Biomarker und Selbstvermessung.
People.
Biohacker Bryan Johnson Reveals He Has a Chronic Autoimmune Disease: “My Stomach Is Eating Itself”.
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Entertainment Weekly.
Celebrity biohacker Bryan Johnson reveals autoimmune gastritis diagnosis.
Bericht zur aktuellen Diagnose und Johnsons öffentlicher Einordnung.
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National Cancer Institute.
Definition: Telomerase.
Medizinische Definition und Einordnung der Telomerase, auch im Zusammenhang mit Krebsbiologie.
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Bildnachweise: Sämtliche Bilder in diesem Beitrag stammen von Pexels und werden gemäß der Pexels-Lizenz verwendet. Fotos: Cottonbro, Ella Olsson, Guillermo Berlin, Josse Antonio Otegui-Auzmendi, Kate Andreeshcheva, Masoodaslami, Mike, Olly und Rio Pepper.
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